Landkreis Gießen - Breitband-Internet fast flächendeckend

Gießener Anzeiger vom 03.08.2018

KREIS GIESSEN - (vb). Ist beim Ausbau des schnellen Internets jemals der Punkt erreicht, an dem man "fertig" ist? Oder sorgt nicht die technische Entwicklung dafür, dass immer wieder reagiert und nachgesteuert werden muss? Heute denken wir an Surfen und Streaming, in ein paar Jahren geht es dann ums autonome Fahren. Doch am Donnerstag war erstmal Anlass, sich zu freuen, dass etwas "fertig" ist.

Seit 2011 wird am Breitbandausbau im Landkreis Gießen geplant und gearbeitet. Nun ist die zweite Ausbaustufe abgeschlossen, sodass 99 Prozent aller Haushalte über eine Datenqualität von mindestens 30 mBit verfügen - dies definiert die Europäische Union als "schnelles Intemet". Treffpunkt war dort, wo 2011 mit einem Pilotprojekt alles begann: in Langsdorf.
Im Hof des "Kochwerks" saßen Kreis-Bürgermeister, Vertreter der Deutschen Telekom sowie anderer beteiligter Firmen und Behörden zusammen und genossen das leckere Essen. "Die Feier haben wir uns mehr als verdient", meinte Landrätin Anita Schneider. 2011 habe niemand so richtig gewusst, wie der Breitbandausbau weitergehen sollte. "Die Telekommunikationsunternehmen waren in ihrer Strategie anders aufgestellt und wir hatten den Druck, den ländlichen Raum mit schnellem Internet zu versorgen." Schneider sprach von einem "besonderen Weg", der eingeschlagen wurde.
Firmen als Partner
Der Landkreis gründete zusammen mit den Firmen Weimer und Lück die Breitband Gießen GmbH. Die Kommunen sind daran über die Breitband Gießen Beteiligungs GmbH angebunden. Die Deutsche Telekom ist der Partner und mietet die Netze, sodass auch Einnahmen generiert werden. Die Landrätin lobte die Bürgermeister, die bereit waren zu dieser interkommunalen Zusammenarbeit. In der zweiten Ausbaustufe kamen Unitymedia und OR-Network als weitere Partner hinzu. Verlegt wurden Glasfaserkabel. Auf der sogenannten "letzten Meile" laufen die Daten durch die vorhandenen Kupferkabel der Telekom.
Und auch, wenn es jetzt ein nahezu flächendeckendes Netz gibt, geht die Arbeit weiter. Mithilfe von Fördergeldern von Bund und Land sowie Geldern der Kommunen soll das letzte eine Prozent auch noch schnelles Internet erhalten. Stefan Becker, Geschäftsführer der Breitband Gießen GmbH, sprach von knapp 1000 der 170 000 Haushalte im Kreis. Bei ihnen soll Glasfaser direkt ins Haus gelegt werden. Dies gilt auch für die rund 90 Schulen in Stadt und Kreis. Außerdem im Blick sind Gewerbebetriebe, Feuerwehrhäuser und auch die Rathäuser.
Per Gutachten wurden die "weißen Flecken" ermittelt. Bei weiteren 250 Punkten soll noch geprüft werden, ob auch dort Handlungsbedarf ist. Im Herbst soll das Ausschreibungsverfahren laufen, sodass man den Auftrag zum Jahresende vergeben kann. Zwei Jahre Bauzeit werden angenommen. Die geschätzten Kosten liegen bei 12,5 Millionen Euro. 6,3 Millionen Förderung des Bundes und zwei Millionen Euro vom Land sind zugesagt, Rund 40 Prozent der Kosten müssen die Kommunen tragen und je nach Anzahl der "weißen Flecken" tief oder tiefer in die Haushaltskasse greifen.
Für Bernd Klein, den Licher Bürgermeister, schloss sich mit dem Termin ein Kreis, denn das Pilotprojekt war 2011 in Langsdorf umgesetzt worden. "Wir sind ein nicht unerhebliches Risiko eingegangen", meinte er rückblickend. "Doch wir haben den Laden zusammengehalten und der heutige Standard ist ein Verdienst von ganz vielen." Der Dank galt Geschäftsführer Becker, aber auch Hans-Otto Gerhard, dem Breitbandkoordinator des Landkreises. Die Konstruktion der Breitband Gießen GmbH und der Beteiligungsgesellschaft soll auch für die nächste Ausbaustufe beibehalten werden.
Georg Matzner vom Wirtschaftsministerium lobte das "ganz starke Team", das mit viel Herzblut das Thema vorangetrieben habe. Für Harald Ortmann von der Deutschen Telekom war es ein "Tag der Freude".
Zur Frage, ob mit der dritten Ausbaustufe das Thema beendet sei, meinte die Landrätin: "Wir wissen heute noch nicht, was die Technik mit uns vorhat." Es gehe auch um die Frage, was in den Dörfern mit der Infrastruktur für die Bürger erreicht werden könne.
Gelassen reagierte sie auf die Pläne der Deutschen Glasfaser Wholesale GmbH, die in Pohlheim und Langgöns ein eigenes Glasfasernetz verlegen lassen will, wenn mindestens 40 Prozent der Haushalte mitmachen (der Anzeiger berichtete am Donnerstag exklusiv). Diese Firma werde nie flächendeckend ausbauen, sondern sich Bereiche heraussuchen, wo es wirtschaftlich sei. Das Angebot sei nur eine Ergänzung zum Netz der Breitband Gießen GmbH.
Zahlen:
Für den Ausbau des schnellen Internets wurden laut Telekom 157 Kilometer Glasfaser verlegt. Dies entspreche der Strecke von Gießen zum Frankfurter Flughafen und zurück. 58 Kilometer Tiefbauarbeiten wurden erledigt und 165 Multifunktionsgehäuse aufgestellt. Die Städte und Gemeinden investierten in beiden Ausbaustufen rund neun Millionen Euro. Hinzu kamen 500 000 Euro Landesförderung. (vb)